Forward Festival Zürich – geballte Inspiration

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Bevor ich vom Forward Festival erzähle, kurz etwas vorneweg: Kunst und ich, wir leben in einer On-Off-Beziehung. Ich weiss noch genau, wie es damals war, als wir uns kennenlernten: als ich als Kind im Wohnzimmer alte ARTES-Bücher und andere Kunstpublikationen mit Neugier durchblätterte. Später gehörte Kunstgeschichte zur Theorie meiner Ausbildung zum Grafiker. Ich schloss dieses Fach an der Lehrabschlussprüfung mit Bestnote ab, da ich alle Jahreszahlen wichtigster Künstler und Gemälde stundenlang auswändig gelernt hatte. Wir hatten aber auch einen grossartigen Kunstgeschichte-Lehrer, Klaus Pressmann, welcher uns immer mit Herz und grosser Begeisterung die Welt der Kunst näher brachte.

Doch Kunst war für mich auch immer regellos, kontrovers und insgesamt manchmal ein widerspenstiges, durchgeknalltes Luder. Das, was viele so mögen an der Kunst, die Unberechenbarkeit, das nicht Einteilbare und für jeden anders Gültige, das fordert mich manchmal gewaltig heraus. Vermutlich, weil ich Kunst begreifen möchte, es aber nicht kann, weil sie unfassbar ist. Sicher steckt mein Ehrgeiz dahinter, der glaubt, es gäbe eine Quintessenz, eine Formel, die mir einfach noch verborgen bleibt. Mein Ehrgeiz ist nicht immer der Intelligenteste.

Aber nach Ehre zu geizen, ist vermutlich sowieso das Dümmste was man sich auf der Reise zum Glück in den Weg legen kann.

Wie auch immer: durch meine Berufswahl ist Kunst immer wieder da, wenn ich mich all zu fest im Alltag verliere.

FORWARD Festival zum Ersten

Am Wochenende hatte ich das Vergnügen, das erstmalig in Zürich stattfindende Kunst- und Design Festival FORWARD >> besuchen zu können (dank einem grosszügigen Mäzen). Kurz zusammengefasst: es war sehr grossartig und ich bin für die nächsten 12 Monate mit Inspirationen vollgepumpt.
Als Location diente die Freitag F-abrik und Räumlichkeiten von Aroma im Nœrd Gebäude in Oerlikon. Eine bessere Location für dieses Festival kann ich mir nicht vorstellen: die Hochregallager, dezent mit farbigen Spots beleuchtet, gaben eine perfekte Kulisse für das Festival ab. In zwei Räumen fanden am Wochenende nachmittags bis abends parallel Talks und Workshops statt. In der Eingangshalle gab es leckere Verpflegung, sowie Stände von den Sponsoren. Unter anderen Adobe, BMW Mini, SAE, F+F Schule, FREITAG und Pro Helvetica. Nachfolgend zusammengefasst die Talks und Workshops, welche ich besucht habe.

Illustrated Alphabet

Geleitet wurde dieser Workshop durch die beiden Illustratoren Birgit Palma und Daniel Triendl (ich bin seit längerem Fan von Daniels Arbeiten), powered by Adobe. Hier konnte man, basierend auf einer Schrift, welche die beiden entworfen hatten, Teile von Buchstaben zum Thema MAKE IT ZURICH eigens auf im Illustrator gestalten. Die etwa 50 Teile der Buchstaben wurden den Teilnehmern zufällig zugewiesen.

Witzig daran war, dass man in der Adobe Creative Cloud Library arbeitete und man dadurch live auf dem Beamer mitverfolgen konnte, wie sich das Alphabet langsam in ein Zürich-likes änderte. Der Workshop war nicht sehr anspruchsvoll und natürlich auch beiläufig Werbung für Adobe CC. Das Endergebnis liess sich jedoch sehen und das gesamte Setup inkl. anschliessender Möglichkeit, mit dem Alphabet eine Postkarte zu gestalten und diese auszudrucken, fand ich sehr gelungen.

FREITAG

Daniel Freitag gab Einblicke in die Organisation, in die Philosophie und in die Prozesse von FREITAG. Er zeigte auch einige Beispiele aus dem Kunstschaffen der beiden Brüder, die sehr kreativ und inspirierend waren. Dramaturgisch wirkte dieser Vortrag auf mich eher lasch, vermutlich wurde dieser schon öfters genau so vorgetragen und es wirkte etwas unmotiviert. Aber vielleicht ist das Daniels Art, keine Ahnung. Zum Abschluss zeigte er noch einen geilen Werbespot, welcher aufgrund eines Projektes namens TARP BLANCHE vom preisgekrönten Animationsfilm Regisseur Neil Stubbing umgesetzt wurde:

Ich suchte dann anschliessend noch das Gespräch mit Daniel Freitag um über Holacracy auszutauschen (bei Ticketfrog setzen wir seit Januar, FREITAG seit letztem September auf dieses «Betriebsystem»). Leider reichte die Zeit nur für einen kurzen Schwatz.

Droga5

Alexander Nowak präsentierte auch etwas lustlos vorwiegend Spots aus seiner Agentur Droga5 in New York, welche in den letzten 6 Jahren von 40 auf 700 Mitarbeiter angewachsen ist. Dabei verriet er ein wenig das Geheimrezept erfolgreicher Spots: unlogische Bilder zeigen. Da diese «hängenbleiben» und die Glattheit der Werbung unterbrechen, somit mehr auffallen und eine bessere Wirkung haben. Dies war dann auch seine Botschaft: «Live is not so simple» und man solle das immer auch beim Arbeiten im Hinterkopf behalten.

Aroma

Die Schweizer Agentur für dreidimensionale Kommunikation, nennen sie sich bei Aroma. Roger Staempfli präsentierte mit viel Humor und Schalk Kunst und seine Inspirationen aus aller Welt und wie dies anschliessend auch auf die Kundenprojekte von Aroma Auswirkungen hatte. Eindruck: die machen geiles Zeug (siehe Bild oben, Ausstellung am Bahnhof Zürich zur Eröffnung des neuen Eisenbahn-Gotthardtunnels 2016).

Mini

Das BMW Mini Design Team präsentierte am Forward Festival eine Auto-Studie namens MINI VISION NEXT100. Also wie sie sich heute den BMW Mini in 100 Jahren vorstellen. Sie gaben recht oberflächlich Einblicke, wie die Studie entstanden ist. Mir fehlten hier Fehler und Unklarheiten, die es immer im kreativen Prozess gibt. Die ganze Präsentation wirkte auf mich zu glatt, mit dem futuristischen BMW Mini konnte ich mich nicht so recht anfreunden. Warum soll man in 100 Jahren noch ein Lenkrad und Gaspedal haben? Warum immer noch genau vier Räder? Mein Kollege und Mini-Evangelist Renato Mitra war auch mit mir unterwegs und hat auf seinem Mini-Blog weitere Details festgehalten.

Slanted

Lars Harmsen präsentierte die Arbeit, die hinter dem Grafik/Design/Kunstmagazin SLANTED steckt. Hochinspiriert und grossartig kreativer Typ. Wenn ich gerne Print-Magazine anschauen und lesen würde, hätte ich sicher ein SLANTED Abo.

KMS Team

Humorvoll vorgetragene Arbeiten von Robert Börsting, Design Director vom KMS Team. Er stellte den Kreativ-Prozess anhand von Pfannkuchen als Resultat nach («Form follows Pfannkuchen». Witziger guter Vortrag und tolle Arbeiten.

Läuft bei uns

Grossartig spannender Vortrag von Davide Bortot (von A Color Bright) über die Deutsche HipHop-Szene, die die Charts der letzten Jahre dominiert und sich klar von der US-Szene abhebt und ihr eigenes Ding macht. Davide ist den verblüffenden Verkaufszahlen auf den Grund gegangen und hat spannende Erkenntnisse daraus extrahiert, die man auch gut auf das Bewerben und Verkaufen anderer Produkte adaptieren kann. Man mag von der Musik gewisser Deutschen HipHop-Künstlern halten was man will. Aber der Musikclip oben hat nach 3 Monaten bereits über 6 Millionen Views...

The Origin of an Idea

Die begehbare Installation von BMW-Mini war eine Art Durchgang durch drei in rombenförmige Räume zu «Inspire», «Reflect» und «Create». Jeder Raum wurde von einem anderen Künstler zum Thema ausgestattet. Alles sehr durchdacht und hochwertig gemacht, der Spagat zwischen subtilem Bewerben des Minis und der Kunst schien sehr gelungen zu sein und passte auch zum Forward Festival.

Die Installation selbst war schön aber wirkte auf mich dann doch eher nichtssagend. Eindrücklich war lediglich der erste Raum (bespielt von der Pfadfinderei), welcher mit drei wandhohen Bildschirmen ausgestattet war, von denen 200 Bilder pro Sekunde (!) auf einem einprasselten.

A_NEW_DAY

A_NEW_DAY, eine musik-basierte Performance, welche Theater-Elemente mit elektronischer Musik und live animierten Zeichnungen kombiniert, so in etwa lässt sich das Trio umschreiben. Der Vortrag stellte das Projekt vor, in dem es gleich selbst die Art und Weise des Vortrags über die Band in eben diesem Performance-Mix darboten. Spielerisch, soundmässig geil, illustrativ etwas monoton aber insgesamt sehr kreativ und anders.

Stefan Sagmeister

Der weltbekannte Designer Stefan Sagmeister hat alle Design Awards der Welt schon gewonnen. Ich mochte bislang seine Arbeiten nicht so sehr, die nicht grafischen waren mir zu trashig, seine Selbstinszenierung aus der Ferne zu abgekartet provokativ.
Doch als Stefan sein letztes, acht Jahre andauernde, Projekt vorstellte (The Happy Film), war schon nach wenigen Sekunde klar, dass der Typ alle überfliegt. Seine Präsentation selbst war ein Kunstwerk, jeder Slide, Kurzfilm oder Ausschnitt, welches er zeigte in sich grossartig, ein visuelles Schlaraffenland für alle, die Humor, freche Bilder, Grafik und Kunst mögen. Seine Art in Worte zu fassen vermag ich hier nicht. Er ist mir nach wie vor nicht sehr sympatisch, vielleicht ein wenig mehr, wegen seiner Selbstironie. Und im Happy Film präsentiert er sich eigentlich als Vollidiot, wie er selbst ironisch anmerkte. Und dabei genüsslich an seiner Zigarre zog.

Fazit

Das Forward Festival in Zürich fand ich rundum ein grossartiges Format als Inspirationsquelle. Alleine der Vortrag von Stefan Sagmeister reichte um seinen kreativen Akku wieder voll aufzuladen (oder zu überladen). Doch kombiniert mit den weiteren Vorträgen und Workshops ist das Forward-Festival tatsächlich aussergewöhnlich toll geworden und ich hoffen, dass es auch nächstes Mal wieder in die Schweiz kommt und ich wieder Inspirationen aufsaugen kann. Denn dann heisst es: Start. Zurück an den

Veröffentlicht von: David Blum in Read
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